Kommentar zum Vortrag von Gabi Reinmann an der Universität Hamburg
Beim Assessment werden die Probanden unter die Lupe genommen. Doch die Vorauswahl erfolgt anhand Studiennoten.
Bild von laverrue.
Ich bin soeben von einem sehr spannenden Vortrag von Prof. Dr. Gabi Reinmann von der Universität Augsburg wiedergekommen, welcher an der Hamburger Universität im Fachbereich Erziehungswissenschaften stattgefunden hat. Thematisch spricht Frau Reinmann mit "Forschendes Lernen und wissenschaftliches Prüfen" ein im Rahmen des Bologna-Prozesses wieder zu Tage getretenes Diskussionsthema an. Die Frage ist, wie stark innovative didaktische Ansätze in Hochschulen gewagt werden sollten und inwiefern es gilt, konträren Tendenzen aus der Wirtschaft und Politik zu begegnen.
Anders ausgedrückt: Sollten wir in der universitären Lehre zum Beispiel weniger auf gute Noten hinarbeiten und damit vermeintlich gute Arbeitsmarktchancen, sondern mehr auf die Entwicklung von Kompetenzen schauen?
Der Vortrag beginnt zunächst mit einem historischen Vergleich mit dem Manifest des ZHM zum Thema, verfasst vor knapp 40 Jahren. Es handelt sich um eine Analyse des Bereichs der Hochschulentwicklung. Im Papier ist aus heutiger Sicht sowohl Sprengstoff zu lesen als auch Ideen, welche bis heute noch nicht umgesetzt wurden.
Weitere Details befinden sich auf dem e-Denkarium, der Homepage von Frau Reinmann. Daher will ich hier nicht weiter darauf eingehen, sondern noch zwei Punkte etwas genauer diskutieren.
Ergänzungen zur Diskussion nach dem Vortrag
In der dem Vortrag folgenden Diskussion wurde die These vorgetragen, die Assessment-Center der Wirtschaft seien von der Hochschule unabhängig und daher würden eh alle Studierenden erneut getestet, was eine Benotung seitens der Universität obsolet mache. Dies ist nur begrenzt richtig. Zum einen werden bei weitem nicht alle Akademiker mit einem Assessment-Center getestet und zum anderen erfolgt beim Assessment die Vorauswahl bereits über die Noten. Wer also ohnehin gute Noten hat, wird getestet.
Ich glaube, dass Benotung vor allem deshalb so etabliert ist, weil sie die Studierenden ohne wesentlichen Arbeitseinsatz motiviert. Studierende lernen vor allem aus Angst vor dem Nicht-Bestehen der Prüfung. Diese Form der Motivation ist deutlich leichter zu etablieren, als eine elaboriertere Form der Motivation (wie beispielsweise eine Motivation über spannende Inhalte oder studienbegleitende Forschungsarbeit).
Wenn wir es also schaffen, Studierende (und auch Lernende an Schulen) anders als mit der Notenkeule zu motivieren, ist es möglich, die Notengebung deutlich zu reduzieren.
Ein wichtigen weiteren Diskussionspunkt bildete die subtile Ökonomisierung des universitären Alltags. Wer dies kritisiert muss wie in der Diskussion herausgestellt sehen, dass Forderungen wie Verkürzung der Studienzeit, mehr Praxisausrichtung und Fokussierung der Lehrpläne auf wirtschaftlich relevante Aspekte vor allem eine Folge der gesellschaftlichen Prozesse der letzten Jahre sind. Somit handelt es sich bei diesem Aspekt der Bologna-Reformen nicht um ein politisch indoktriniertes Konstrukt, sondern um eine logische Konsequenz der Einstellung der Gesellschaft gegenüber dem Bildungsbegriff.
2009/06/09 20:40
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